Westdeutsche Allgemeine Zeitung  -  30. August 2002

Pokalkrimi 1995: RWE stand gegen Bayer vor der Sensation

Wenn RW Essen Sonntag, 20.30 Uhr, zum Schlager der ersten DFB-Pokalhauptrunde den Champions-League-Vizemeister Bayer Leverkusen an der Hafenstraße erwartet, wird jeder eingefleischte RWE-Fan sogleich an den 4. Oktober 1995 denken.

An jenem denkwürdigen Mittwochabend trafen beide Klubs im Achtelfinale des DFB-Pokals vor 25 000 Zuschauern aufeinander und lieferten sich eine Schlacht, die in die rot-weiße Vereinshistorie eingegangen ist.

4:2 führte der Bundesligist durch Tore von Markus Feldhoff, Sergio, Holger Fach und Rudi Völler in der 73. Minute, ehe Christian Dondera und Dirk Helmig, die vorher schon jeweils einmal getroffen hatten, innerhalb von 180 Sekunden bis zur 76. Minute zum 4:4 ausglichen. 4:4 stand es am Ende der Verlängerung. Und dann das Elfmeterschießen, in dem den Rot-Weißen die Nerven versagten.

Super, sensationell, Sternstunde, Gänsehaut, begeisterte Fans, leidenschaftliches Spiel, noch nie erlebte Dramatik - die Kommentare überschlugen sich, die Lobeshymnen für Trainer Rudi Gores und seine Truppe, auch damals wie heute Regionalligist, überschlugen sich. Die Komplimente der Bayer-Asse, die unter anderem mit Trainer Erich Ribbeck, dem späteren Bundestrainer, Weltstar Sergio, Bernd Schuster und Rudi Völler, dem heutigen Teamchef der Nationalmannschaft, antraten, drückten Überraschung aus.

Reiner Calmund, der schwergewichtige Manager, ging nach dem Schlusspfiff spontan in die Essener Kabine. "Ihr ward großartig, ihr hattet wirklich Pech. Wenn wir das Finale erreichen sollten, seid ihr in Berlin unsere Ehrengäste", zollte Calmund den Rot-Weißen ein Risenlob.

In der WAZ hieß es damals: Der Regionalligist, vor 17 Monaten noch Pokalfinalist in Berlin, wuchs erneut über sich hinaus, hatte beim 4:4 nach 120 Minuten den Tabellenvierten der Bundesliga am Rande einer Niederlage, hätte bei der größeren Anzahl von Torchancen auch den Sieg verdient gehabt und musste sich schließlich im Elfmeterschießen mit 5:8 geschlagen geben.

Auch Bayer-Trainer Erich Ribbeck, dessen erste Trainer-Station 28 Jahre zuvor (1967) übrigens RW Essen war, schloss sich den Komplimenten an: "Ich habe keinen Unterschied zwischen beiden Mannschaften gesehen. Die Essener haben leidenschaftlich gekämpft und großartig gespielt und hatten die Chance zum 5:4. Rudi Gores fasst die Lobeshymnen in einem Satz zusammen: Ich kann vor meiner Mannschaft nur den Hut ziehen."

Es war auch schon imponierend, wie die Rot-Weißen nicht nur den 2:4-Rückstand aufholten, sondern die Leverkusener nach dem Ausgleich so unter Druck setzten, dass die Bayer-Stars nur noch darauf bedacht waren, sich in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen zu retten. Dort allerdings gaben sie sich dann keine Blöße mehr.

Imponierend war es auch, wie die Essener den Ausfall des etatmäßigen Sturms mit Torjäger Wolfram Klein und Mittelstürmer Marcus Wuckel, der bereits in der 14, Minute mit einem Aduktoren-Abriss ausschied, verkrafteten. So wurden mit jeweils zwei Toren "Putsche" Helmig und der eingewechselte Christian Dondera zu den Helden der ersten 120 Minuten, ehe Dirk Helmig zum tragischen Helden wurde, als er mit dem ersten Elfmeter an Bayer-Torwart Heinen scheiterte und so die Niederlage einleitete. Dennoch war Helmig wie auch seine Kameraden nicht niedergeschlagen: "Ich spiele jetzt 23 Jahre Fußball, 20 davon für RWE, aber ein solches Spiel habe ich noch nie erlebt. Ich bekam eine Gänsehaut, es lief mir eiskalt über den Rücken, als ich die Begeisterung unserer Fans sah." Auf ein Neues.

Für Nostalgiker die beiden Aufstellungen:
RWE: Petrick, Pickenäcker, Zedi, Ratkowski, Schwartz, Landgraf, Margref (115. Thiele), Schreier, Beyel (63. Grein), Wuckel (15. Dondera), Helmig. - Bayer Leverkusen: Heinen, Happe, Wörns, Lupescu, Chagas (119. Hubner), Sergio (108. Barnes), Schuster, Völler, Feldhoff (93. Neuendorf), Fach, Münch.